Nitra (Stadt)

Nitra (slowak., lat. Nitrava, dt. Neutra, ung. Nyitra).

N. ist eine im SW der Slowakei ca. 190 m ü d. M. und auf einer Fläche von ca. 100 km² gelegene Stadt und zählt rund 86.000 Einwohner (2004), davon 97 % Slowaken. N. bildet das Zentrum des gleichnamigen Verwaltungsgebietes (Okres Nitra) und ist der Sitz von einer der acht slowak. Verwaltungsregionen (Nitriansky samosprávny kraj). In N. befinden sich ein Labor für Biotechnologie, das Archäologische Institut der Slowakischen Akademie der Wissenschaften, eine Landwirtschaftsschule sowie Textil-, Leder-, Nahrungsmittel-, chem. und pharmazeut. Industrie.

Der Name N. stammt vom gleichnamigen Fluss, dessen Bezeichnung wiederum vermutlich vom urslaw. Terminus *nätiti / gnätiti (abschlagen / abholzen) abgeleitet worden war. Die älteste slaw. Besiedelung geht auf das frühe 6. Jh. zurück und gehört zum Kulturkreis der Keramik des Prager Typs. Im letzten Drittel des 8. Jh. wurde N. eine befestigte Siedlung mit Erdwallen und Verwaltungssitz der lokalen Herrscher. Im Laufe des 8. und frühen 9. Jh. entstand ein Komplex von drei Erdburgen (Martinsberg, Burghügel, befestigte Siedlung ›Na vŕšku‹) im heutigen Stadtgebiet. Drei andere Erdburgen-Vorposten befanden sich in der nahen Umgebung: Zobor (später Sitz der Abtei St. Hippolyt), Lupka und Borina. In der ersten Hälfte des 9. Jh. lag das Verwaltungszentrum in der Befestigung am jetzigen Burghügel und im daneben liegenden Stadtzentrum. Das Weißbuch der Salzburger Kirche über die erfolgreiche Mission in Karantanien und Pannonien (lat. ›Conversio Bagoariorum et Carantanorum‹) erwähnt zum Jahr 828 die Weihe der vom N.er Fürsten Pribina gebauten St. Emeram-Kirche durch den Salzburger Erzbischof Adalram. Etwa um 833 war Pribina vom Mährerfürsten Mojmír I. aus N. vertrieben worden und zum Markgrafen Ratbod geflohen. Die Stadt N. sowie auch das ganze Fürstentum geriet bis zum Untergang des Großmährischen Reiches im frühen 10. Jh. unter die Regierung der Mojmiriden-Dynastie. In der Mitte des 9. Jh. unterstand N. Svatopluk, einem Teilfürsten derselben Dynastie. Als er zum Alleinherrscher Mährens geworden war, diente das Gebiet des Fürstentum N. als Stützpunkt für die Expansion nach Pannonien, ins obere Theiß-Tal und wahrscheinlich auch ins Land an der oberen Weichsel. Mit der Einrichtung der kirchlichen Organisation (unter Erzbischof Method) im Großmährischen Reich wurde hier um 880 (in der Bulle ›Industriae tuae‹ des Papstes Johannes VIII. zum ersten Mal erwähnt) ein Bistum gegründet (Bischof Wiching). Obwohl auf dem Gebiet von N. keine magyarischen Funde bekannt sind, ist das Vordringen der altungarischen und kabarischen Stämme in die Umgebung der Stadt ins erste Drittel des 10. Jh. zu datieren. Nach Überlieferung eines Anonymus sollen die N.er Slawen Widerstand gegen die Ungarn geleistet haben – allerdings erfolglos.

Im 11. Jh. wurde N. das Zentrum des ›tertia pars regni‹, eines Herzogtums unter der Regierung einer Nebenlinie der Arpaden-Dynastie. Die zukünftigen ung. Könige Béla I., Géza I. und Ladislaus I. der Heilige hatten in N. eigene Fürstenhöfe eingerichtet und eigene Münzen prägen lassen. Vermutlich wurde das Bistum N. unter König Kálmán (1095–1116) wieder neu begründet. Die N.er Burg wurde im Mittelalter häufig im romanischen und gotischen Stil umgebaut. König Béla IV. verlieh 1248 der unterhalb der Burg liegenden Siedlung die Rechte einer freien königlichen Stadt. Als Sitz der Bischöfe und wichtiger Abwehrstützpunkt spielte N. in den Kriegen gegen die Osmanen eine bedeutende Rolle, worauf auch die monumentale barocke Befestigungsanlage der Burg hinweist. In der ersten Hälfte des 18. Jh. wurde ein neuer bischöflicher Palast errichtet. Die Kathedrale und ehemals romanische Rotunde (Emmeramkirche, 1930/31 erneuert) wurden im 18. Jh. erweitert und barockisiert.

Fusek G., Zemene M. R. (Hg.) 1998: Dejiny Nitry: Od najstarších čias po súčasnosť. Nitra. Marsina R. 2002: Nitra v slovenských dejinách. Martin. Steinhübel J. 2004: Nitrianske kniežatstvo: Počiatky stredovekého Slovenska. Bratislava.

(Marek Klatý)

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