Erzurum

Erzurum (türk., histor. Erzerum, armen. Ḳarin, griech. histor. Theodosioupolis/Theodosiopolis, kurd. Erzirom/Erzerom)

Inhaltsverzeichnis

1 Geographie

E. ist die Hauptstadt der gleichnamigen Provinz und Sitz des Gouverneurs im Osten der Türkei und größte Stadt Ostanatoliens. E. liegt 1850–1980 m ü. d. M. am östlichen Rand einer weiten und fruchtbaren, von Bergen begrenzten Ebene und wird vom Fluss Karasu (einem Quellfluss des Euphrat) durchflossen. Die Einwohnerzahl der Stadt beträgt 361.235 (2000). In der Provinz E. leben 961.000 Einwohner (Mitte 2004) auf 25.330,9 km². Das Klima ist streng kontinental. Die durchschnittliche Temperatur beträgt im Januar –8,6 °C, im Juli 19,5 °C, wobei sich die jährliche Niederschlagsmenge auf 447 mm beläuft.

E. ist Sitz der 1957 gegründeten Atatürk-Universität. Wichtige Wirtschaftszweige sind die Nahrungsmittelindustrie, die Landwirtschaft, der Maschinenbau sowie das Metall- und Lederhandwerk. E. ist Garnisonsstadt und von alters her ein bedeutender Verkehrsknotenpunkt auf dem Handelsweg zwischen Trapezunt und Täbris. Das Stadtbild wird einerseits durch die erhaltenen Befestigungsanlagen, insbesondere die im 5. Jh. unter Kaiser Theodosius II. errichtete Burg, sowie die Moscheen und Medresen aus seldschukischer (Ulu-Moschee [türk. Ulu Camii, 1179]; Çifte-Minareli-Medrese [1253]; Yakutiye-Medrese [türk. Yakutiye Medresesi, 1310/11]) und osmanischer Zeit (die dem bekannten Baumeister Mimar Sinan zugeschriebene Lala Mustafa Pascha-Moschee [türk. Lala Mustafa Paşa Camii, 1563]) geprägt. Andererseits erhielt E. durch den Wiederaufbau nach dem Erdbeben von 1939 auch eine moderne Architektur. E. liegt in der erdbebengefährdeten ostanatolischen Zone und wurde in den 80er Jahren des 20. Jh. von weiteren Erdbeben erschüttert. E. gab dem ostanatolischen Volkstanz ›E. barı‹ seinen Namen. Die Bevölkerung von E. besteht heute mehrheitlich aus Kurden, während die Armenier bis 1915/16 die Bevölkerungsmehrheit stellten.

Anfang

2 Kulturgeschichte

Spuren menschlicher Siedlungen reichen bis 4000/3500 v. Chr. zurück. Erstmalige urkundliche Erwähnung fand E. als ›Theodosioupolis‹ in Zusammenhang mit der Belagerung der Stadt 421/422 durch den Sassaniden-König Wahrām V. Gōr. E. war vermutlich 415 unter Kaiser Theodosius II. anstelle einer älteren Siedlung gegründet und mit starken Befestigungsanlagen versehen worden. Bereits im 5. Jh. fand E. als Sitz eines Bischofs, der 451 am Konzil von Chalcedon teilnahm, Erwähnung. Wegen seiner verkehrsgünstigen Lage an der Seidenstraße errang E. schon im 5. Jh. eine große handelspolitische und militärstrategische Bedeutung, welche die Stadt bis heute beibehalten hat. 502 wurde E. von den Persern erobert, kurz darauf jedoch von Kaiser Anastasios I. zurückgewonnen. Es folgte die Umbenennung in ›Anastasioupolis‹ und eine Verstärkung der Befestigungen (doppelte Mauerringe). 632/33 war E. Schauplatz einer Synode der orthodoxen und der armenischen Kirche.

In der Folgezeit rangen abwechselnd Araber, Byzantiner und Armenier (770–72 Aufstand armenischer Fürsten gegen die Araber) um die Herrschaft über E., und entsprechend wechselten auch die Namen der Stadt. Schon 653 wurde E. durch die Araber eingenommen (neuer Name: Qālīqalā); 686 erfolgte die Rückeroberung durch die Byzantiner; 700 dann die erneute Inbesitznahme durch die Araber, die von E. aus Feldzüge in das byzantinische Anatolien unternahmen; 754 abermalige Rückeroberung unter dem byzantinischen Kaiser Kōnstantinos V. Nach einer erneuten Einnahme der Stadt durch die Araber wurde E. 949 wieder byzantinisch und Residenz eines Statthalters der gleichnamigen Provinz. 1048 (Zerstörung der kleinen Nachbarstadt Erzen, deren Einwohner nach E. flohen, wobei sich der Name Erzen auf E. übertrug) und 1054 war E. das Ziel seldschukischer Expeditionen. 1080 eroberten die Seldschuken die Stadt und gaben ihr den Namen Arzan-i Rūm („Land der Rhomäer [=Römer]“). E. wurde Hauptsitz einer lokalen türkischen Dynastie und 1201 von den Rumseldschuken erobert, unter deren Herrschaft sich die Stadt zu einem bedeutenden Handelszentrum Anatoliens entwickelte. 1242 erfolgte die Einnahme von E. durch die Mongolen. Im 14. und 15. Jh. geriet E. nacheinander unter die Kontrolle rivalisierender mongolischer und türkischer Herrscher.

1514 fiel die Stadt unter Sultan Selīm I. an das Osmanische Reich. E. profitierte in osmanischer Zeit aufgrund seiner Lage vom Karawanenhandel; die Stadt wurde Provinzhauptstadt und war im 16. und 17. Jh. Militärbasis für osmanische Feldzüge nach Persien und Georgien. 1552 unternahmen die Perser einen erfolglosen Versuch zur Eroberung von E. 1855–77 wurden neue Stadtmauern errichtet. 1890 kam es zu einem Aufstand der Armenier in E.

In den russisch-osmanischen Kriegen wurde E. wiederholt von russischen Truppen besetzt: 1829 (Aufenthalt des russischen Dichters Puschkin im russischen Hauptquartier in E.), 1878 und 1916–18. 1916 kam es kurz vor der Ankunft russischer Truppen zur Deportation und Ermordung von rund 40.000 Armeniern aus E. 1918 räumte die russische Armee die Stadt. 1919 trat der erste Kongress der türkischen republikanischen Nationalbewegung unter Führung Kemāl Atatürks in E. zusammen. 1939 wurde E. an das türkische Eisenbahnnetz angeschlossen.

Eid V. 1990: Ost-Türkei. Völker und Kulturen zwischen Taurus und Ararat. Köln.

(Maik Ohnezeit)

Anfang
Views
bmu:kk