Zentrales Schwarzerdegebiet

Zentrales Schwarzerdegebiet (russ. Centralʹno Černožëmnyj ėkonomičeskij rajon)

Inhaltsverzeichnis

1 Geographie

Das Z. S. bezeichnet einen Großwirtschaftsraum (russ. krupnyj ėkonomičeskij rajon) in Russland, der die Gebiete Belgorod, Kursk, Lipeck, Tambov und Voronež umfasst. Dieser ist mit 168.000 km² etwa doppelt so groß wie Österreich und macht knapp 1 % der Fläche Russlands aus. Administrativ ist das Z. S. Teil des sog. zentralen Wirtschaftsraums.

Der Naturraum des Z. S.s weist spezifische Boden-, Vegetations- und Klimamerkmale auf, die sich östlich in Russland wie auch westlich in der angrenzenden Ukraine fortsetzen.

Wie schon der Name zum Ausdruck bringt, ist im Z. S. die humusreiche Schwarzerde der dominierende Bodentyp und dieser bietet hervorragende Bedingungen für die ackerbauliche Nutzung. Im nördlichen Gebiet des Z. S. sind außerdem graue Waldböden (Phaeozems, Greyzems) verbreitet.

Der größte Teil des Z. S. befindet sich auf den Mittelrussischen Höhen, einer Aufwölbung der Osteuropäischen Plattform, in der die reichsten Erzlager Russlands vorzufinden sind (Kursker Magnetanomalie). Im östlichen Bereich befindet sich die weite und ebene Landschaft der Oka-Don-Niederung. In der dort vorherrschenden Waldsteppe wachsen an den steileren rechten Flussufern Eichenwälder, auf den Höhen Kiefernwälder und in den Tälern Weiden, Erlen und Linden. Im Norden, in der Waldzone, sind Linden- und Eichenwälder verbreitet. Der Südosten, die Region um Tambov und Voronež, gehört zur Steppenzone (Feuchtsteppe). Natürliche Vegetation ist jedoch fast nur noch im Z. S.-Schutzgebiet in der Nähe von Kursk zu finden.

Die Region ist seit der Katastrophe von Tschernobyl radioaktiv belastet. Weitere gravierende Umweltprobleme sind die Erosion und, in der Umgebung von Lipeck, die Luftverschmutzung durch Stahlindustrie.

Anfang

2 Kulturgeschichte

Bis zum 15. Jh. war das Gebiet des Z. S.s kaum besiedelt. Es war das Niemandsland zwischen dem Moskauer Herrschaftsgebiet und der von den Mongolen (der Goldenen Horde) bevölkerten Region an der unteren Wolga. Im 15.–17. Jh. erfolgte eine allmähliche Besiedlung durch russische Bauern, die ihren Grundherren entflohen waren und Wehrbauern der hier an der Südgrenze des Russischen Reiches errichteten Festungsstädte wurden. Dazu gehörten u.a. Voronež (1585), Belgorod (1596), Tambov (1636) und Lipeck (1779). Aus diesen Bauern gingen u. a. die Donkosaken hervor.

Im 18. Jh. war das gesamte Gebiet des Z. S.s in das Russische Reich integriert, die Kosaken wie auch viele der sesshaften Bauern flüchteten weiter in den Süden. Das Z. S. wurde aufgrund seiner Fruchtbarkeit eine der produktivsten landwirtschaftlichen Regionen des Russischen Reichs mit hoher Bevölkerungsdichte und Armut der Bauern. Das Ackerland war knapp, weswegen selbst an Hängen Bäume und Sträucher beseitigt wurden, womit allerdings die Erosion und Nährstoffverarmung der Böden gefördert wurde. In den Städten des Z. S. gab es kaum Industriebetriebe oder Manufakturen. Lediglich Brennereien und Mühlen waren verbreitet.

In der Sowjetunion gewann die Landwirtschaft des Z. S. ihre hohe, bis heute anhaltende wirtschaftliche Bedeutung. Angebaut werden v. a. Getreide, Zuckerrüben ferner Sonnenblumen und weitere Ölsaaten, Tabak, Gemüse und Obst. Ein Teil der Fläche wird bewässert. Außerdem wird Viehhaltung (v. a. Rinder, Schweine, Geflügel) betrieben.

Die Nahrungsmittelindustrie ist im Z. S. gut entwickelt. In den Gebieten Kursk und Belgorod spielt seit Mitte der 1960er Jahre zudem der Abbau von Eisenerz eine große wirtschaftliche Rolle. Außerdem werden im Z. S. Lagerstätten von Phosphoriten (Ščigry) und Baustoffen wie Kreide, Sand, Kalkstein genutzt und die Förderprodukte weiterverarbeitet. Energetische Rohstoffe sind hingegen kaum vorhanden. In den Gebieten Kursk und Voronež gibt es Kernkraftwerke. Weitere wesentliche Industriezweige sind Metallverarbeitung, Maschinenbau, Chemieindustrie und Elektrotechnik. Wirtschaftlich bedeutend ist im Z. S. außerdem der Handels- und Dienstleistungssektor.

Das Z. S. gehört heute zu den Gebieten Russlands mit guter Infrastruktur und relativ dichter Besiedlung. 2004 lebten im Z. S. mit 7,38 Mio. Menschen über 5 % der russischen Bevölkerung. Rechnerisch ergibt sich eine für russische Verhältnisse weit überdurchschnittliche Bevölkerungsdichte von 44 Menschen/km². Dabei wohnen rd. 62 % der Menschen in Städten, die meisten in den jeweiligen Hauptstädten der Gebiete: Voronež, Lipeck, Kursk, Belgorod und Tambov. Die Einwohner sind überwiegend ethnische Russen. Die größte Minderheit stellen die Ukrainer, v. a. in den Gebieten Belgorod und Voronež, wo ihr Anteil rd. 3-4 % beträgt. Doch das Z. S. stellt ein Auswanderungsgebiet dar, aus dem die Bevölkerung v. a. in industriell besser angeschlossene Gebiete umsiedelt. Die heutige Bevölkerungszahl ist um ca. 20 % geringer als 1939.

Dolgopolov K. B. 1961: Central´no-Černozëmnyj Rajon. Ėkonomičesko-geografičeskaja charakteristika. Moskva.

(Barbara Bosch)

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