Warna

Warna (bulg./ türk. hist. Varna, altgriech. Odēssos, bulg. 1949–56 Stalin)

Inhaltsverzeichnis

1 Geographie

W. ist mit 312.026 Einwohnern (2004) die größte am Schwarzen Meer gelegene Stadt Bulgariens, gleichzeitig die drittgrößte des Landes und Hauptstadt des gleichnamigen Bezirks. Die Stadt ist multinational, neben der bulgarischen Mehrheit leben hier zahlreiche ethnische Minderheiten, u. a. Armenier, Griechen, Juden, Makedonier, Roma, Rumänen, Russen, Türken, Ukrainer und Vlachen. W. erstreckt sich auf breiten Terrassen in 18–20 m ü. d. M. am nordwestlichen Rand der Bucht von W., die 7 km tief ins Landesinnere eindringt. Westlich der Bucht liegt der See von W. (bulg. Varensko ezero), der seit 1975 durch den W.-Devnja-Kanal mit dem See von Beloslav (bulg. Beloslavsko ezero) verbunden ist. Es herrscht gemäßigtes Kontinentalklima, das stark vom Schwarzen Meer beeinflusst wird. Die Winter sind mild und feucht, fast ohne Schnee. Die Durchschnittstemperatur im Januar beträgt 1,9 ºC. Der Frühling ist frisch und windig. Die Sommer sind sehr warm und zeichnen sich durch eine hohe Anzahl sonniger Tage aus. Der wärmste Monat ist der Juli mit einer Durchschnittstemperatur von 22 ºC. Der Herbst ist warm und langanhaltend. Die Niederschlagsmenge beträgt 471 mm pro Jahr.

2 Kulturgeschichte

Auf dem heutigen Stadtterritorium W.s wurden 1972–76 Überreste einer kupferzeitlichen Nekropolis (5. Jt. v. Chr.) entdeckt. Bei den Ausgrabungen kamen auch zahlreiche Grabbeigaben zum Vorschein, u. a. wertvoller Schmuck aus Gold (er gilt als ältester und größter Goldschatz der Welt), die von einer früheren Hochkultur zeugen. Die Entstehung der Stadt wird auf das 6. Jh. v. Chr. datiert, als sich Kolonisten aus der kleinasiatischen Stadt Milet hier niederließen. Diese antike griechische Siedlung trug den Namen Odēssos und wurde vermutlich auf einer schon bestehenden thrakischen Siedlung gegründet. See- und Binnenhandel machten Odēssos zu einer reichen Handelsstadt. Zum ersten Mal schriftlich erwähnt wurde diese 34 v. Chr. (Diodorus Siculus). Seit der Spätantike war Odēssos auch Zentrum eines Bistums. Es wurden zu der Zeit zahlreiche Basiliken gebaut. Die größte wirtschaftliche und kulturelle Blüte erlebte die Stadt jedoch während der Herrschaft Kaiser Justinians I. (527–65). Im 6. Jh. wurde die Stadt durch die andauernden Überfälle der Awaren und slawischer Stämme zerstört. Auf ihren Trümmer erbauten slawische Siedler in der zweiten Hälfte des 6. Jh. eine neue Stadt mit dem Namen W. (über die Bedeutung des Namens herrscht keine Einigkeit). Ende des 7. Jh. wurde W. Teil des Ersten Bulgarenreiches (681–1018) und nach einer anschließenden Phase unter byzantinischer Herrschaft, in der es im Schutze einer Festung zu einem neuerlichen städtischen Aufschwung kam, Teil des Zweiten Bulgarenreichs (1186–1396). Eingebunden in den Schwarzmeerhandel der Venezianer und Genuesen wurde W. im 13. und 14. Jh. zum wichtigsten Hafen und Wirtschaftszentrum des bulgarischen Zarenreiches. Nach der Eroberung durch die Osmanen 1389 war W. bis 1878 Teil des Osmanischen Reiches.

10.11.1444 erlitten nahe W. die christlichen Heere eine entscheidende Niederlage gegen die Türken. Bereits in den 40er Jahren des 19. Jh. entwickelte sich W. erneut zu einem der wichtigsten Verkehrs- und Handelszentren in der Schwarzmeerregion. Verbindungen wurden damals v. a. mit Frankreich, Großbritannien, Italien, Österreich-Ungarn und Russland unterhalten. Neben dem für den Güter- und Personenverkehr gleichermaßen wichtigen Seeweg, entstanden Ende des 19. Jh. erste Bahnverbindungen nach Ruse (1866) und Sofia (1889). 1906 wurde der Hafen W. eröffnet. Dieser ist heute ein moderner Hochsee- und Fährhafen (mit Direktverbindungen nach Georgien und der Ukraine) und beherbergt auch den wichtigsten bulgarischen Marinestützpunkt.

Die bedeutendsten Wirtschaftszweige der Stadt sind Schiff- und Maschinenbau, chemische Industrie, Elektro-, Möbel-, Nahrungsmittel- und Textilindustrie sowie der Tourismus. Die Region ist überdies Weinanbaugebiet. W. besitzt einen internationalen Flughafen und ist zusammen mit den Seebädern nordöstlich der Stadt ein für seine langen und breiten Sandstrände weltbekanntes Ferien- und Reiseziel. Weitere touristische Attraktionen und Sehenswürdigkeiten stellen die frühgeschichtlichen Ausgrabungsfelder sowie die zahlreichen Reste römischer Tempel, Thermen und frühchristlicher Kirchen sowie der Ende des 19. Jh. entworfene „Meeresgarten“ (bulg. morska gradina), ein ca. 2600 m² großes Parkgelände mit Aquarium und Delphinarium, dar. Jugendstilarchitektur prägt das Stadtbild. W. ist gleichzeitig auch das größte Bildungs- und Kulturzentrum in der Region. Hier befinden sich eine Technische, eine Medizinische und eine Wirtschaftsuniversität, weiterhin ein Archäologisches Museum (mit über 50.000 Exponaten aus der Kupferzeit bis zum Mittelalter), ein Meeres- und ein Marinemuseum, ein Schauspielhaus und ein Puppentheater, eine Oper und eine Kunstgalerie sowie eine Sternwarte mit Planetarium. W. ist ein national und international bekannter Veranstaltungsort für Politik, Kultur, Sport und Wissenschaft, so u. a. für die Internationalen Musikfestspiele ›Varnensko ljato‹ („Varnaer Sommer“), den Internationalen Ballettwettbewerb, die Bulgarischen Filmfestspiele und die Festspiele des bulgarischen Puppentheaters.

Stojanov P. 1992: Stara Varna. Varna. http://www.varna.bg/index.htm [Stand 27.7.2004].

(Biljana Ilić)


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