Chełmno (Vernichtungslager)

Chełmno (poln., dt. hist. Kulmhof).

Im zentralpolnischen Ch. wurde bereits im November 1941, also noch vor der Wannsee-Konferenz, auf Initiative des Gauleiters des Warthelandes Arthur Greiser eine Gaswagenstation für die Vernichtung v. a. der nicht arbeitsfähigen Juden des Warthegaus (den polnischen Gebieten, die dem deutschen Reich angegliedert worden waren) und aus dem Ghetto von Lodz eingerichtet. Es handelte sich um das erste Vernichtungslager und war 60 km nordwestlich von Lodz an der Eisenbahnlinie von Lodz nach Posen gelegen. Mit der Errichtung und Inbetriebnahme des Lagers war der SS-Hauptsturmführer Herbert Lange betraut, der im Rahmen der Euthanasie-Aktion ab Sommer 1940 die Ermordung Kranker und Behinderter in Gaswagen geleitet hatte. Das Gelände war durch einen Holzzaun von der Außenwelt abgeschirmt und umfasste ein altes Landhaus und einen Kornspeicher. Später errichteten die Deutschen noch zwei Holzhütten. Das deutsche Personal in Ch. bestand aus 20 Männern der SIPO und 100 Mann der Schutzpolizei. Im März 1942 löste SS-Hauptsturmführer Hans Bothmann Lange als Lagerkommandant ab. Am 08.12.1941 begann die Ermordung der Juden in der zunächst mit zwei, später mit drei Gaswagen ausgestatteten Anlage. Der größere Gaswagen fasste 150 Menschen, die beiden kleineren 80 bis 100. Die Opfer mussten sich in der großen Halle des Landhauses entkleiden, dann wurde ihnen gesagt, sie würden mit einem LKW zum Bad und zur Desinfektion gebracht. Sie wurden aber in diesen LKW durch Auspuffabgase erstickt und zunächst in den 4 km entfernten Wald von Rzuchów gefahren und verscharrt. Im Frühjahr 1942 wurden zwei Krematorien gebaut und die Leichen verbrannt. 70 Juden und acht polnische KZ-Häftlinge durchsuchten die Leichen nach Wertsachen und verbrannten die Körper. Am 16.10.1942 begannen die Transporte aus dem Ghetto Lodz nach Ch. In einer Operation wurden 100 bis 150 Juden getötet. Es dauerte bis 1 oder 2 Uhr mittags, um eine Abteilung von 1000 Juden, die mit der Bahn am Morgen herangeschafft worden war, zu vergasen. Der Tötungsprozess selbst nahm vier bis fünf Minuten in Anspruch. Nachdem sämtliche Juden des Warthegaus –bis auf wenige Menschen im Ghetto Lodz –ermordet waren, endeten im Frühjahr 1943 die Transporte völlig. Ende März 1943 wurde das Lager aufgelöst und am 07.04.1943 das Herrenhaus und die Verbrennungsöfen gesprengt. Im April 1944 wurden die Vernichtungsaktionen wegen der Auflösung des Ghettos Lodz wieder aufgenommen. Innerhalb von drei Wochen tötete die SS über 10.000 Juden in Gaswagen. Wegen zu geringer Kapazitäten in Ch. wurden aber 70.000 weitere Juden aus Lodz nach Auschwitz deportiert. Insgesamt beträgt die Zahl der Opfer in Ch. mindestens 152.000 Menschen, nach anderen Schätzungen 320.000, darunter waren auch 5000 „Zigeuner“ sowie 1000 polnische und russische Kriegsgefangene. 1964 wurden auf dem Gelände ein Denkmal sowie ein kleines Museum errichtet.

(Georg Wurzer)

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